Meine Vorstellung vom Pilgern war so: Gemütlich wandern mit Genuss und Bumelei, träumen, meditieren, Lockerungsübungen zwischendurch, abends oder mittags Zeit und Energie, um mit Rocket Stove zu kochen, abends Lockerungsübungen und nach ausgiebigem Pflegeprogramm essen und lesen und schreiben. Die anstrengende Etappe macht mein Gehirn so matschig, dass ich sofort schlafen könnte. Habe das Schreiben heute extra vor alle anderen Tätigkeiten geschoben, trotzdem nicht einfach. Der Tag war anstrengend, aber auch sehr schön. Zeitiges Loswandern ermöglichte schöne Nebelimpressionen.

Die Wildschweine hatten in der Nacht an vielen Stellen des Weges die Erde durchwühlt. Wahrscheinlich auf der Suche nach dem, was mir ebenfalls in der Gegend aufgefallen war: Wiesenchampignons. Generell sah ich auf dem Weg durch die feuchten und artenreichen Mischwälder viele teilweise interessante Pilze.

Eine Station auf der Etappe war Herrstein. Vor mehreren Jahrzehnten wurde die Stadt aufwendig saniert und viele Gebäude in ihren ursprünglichen Zustand gebracht. Fachwerkhäuser prägen das Bild der schnuckelig wirkenden Stadt. Läden und Cafés der Innenstadt nehmen sich keltischen und mittelalterlichen Themen an.

In Herrstein hatte die Familie von Jutta von Spornheim, Hildegard von Bingens Lehrerin, ihren Sitz. Der Pilgerweg führte mich dann nach Niederhosenbach, wo wohl die Familie von Hildegard lebte. Man vermutet ihren Geburtsort dort.
Auch heute wurde ich wieder mit den Früchten des Herbstes beschenkt und freute mich besonders über Pflaumen, da sie zu dieser Zeit oft schon lange alle unterm Baum liegen. Was sagt Hildegard dazu: „Die Frucht dieses Baumes zu essen, ist Gesunden wie Kranken schädlich und gefährlich, weil sie Gallsucht im Menschen erregt und die bitteren Säfte vermehrt, allfällige Verseuchung aufwühlt, und sie ist deshalb so schlecht zu essen wie ein Unkraut. Wer darum Pflaumen essen will, esse mit Maß. Der Gesunde kann nämlich mit dem Verspeisten fertig werden, der Sieche aber leidet.“ Ach Hilde, da mag ich nicht recht dran glauben. Aber ich halte mich trotzdem dran, habe als Gesunde nur eine Handvoll mitgenommen. Ich denke persönlich, dass man bei allen Lebensmitteln Maß halten sollte für die Abwechslung und bei Obst aufgrund des Zuckers und der teilweise durchschlagenden Effekte. Apropos, Zeit fürs Abendbrot…
